Autor Thema: [Tutorial] Angst beim Reiten - Was kann ich dagegen tun? Teil 1: Unterwegs  (Gelesen 9674 mal)

Tomm

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Angst beim oder vor dem Reiten ist nicht so selten, wie es vielleicht den Anschein hat. Oft wird sie nur verdrängt, schließlich sollen ja "die anderen" nicht denken, daß man feige sei. Dabei ist Angst gar nichts schlimmes. Ganz im Gegenteil hindert sie einen daran, sich in Gefahr zu begeben. Daß Reiten an sich durchaus gefährlich ist, brauche ich sicher keinem erzählen. Es ist also eigentlich nichts Schlimmes dabei, ein mulmiges Gefühl beim Reiten zu haben. Angst kann jedoch auch selbst zur Gefahr werden. Genau dann nämlich, wenn man sich selbst nicht mir ihr auseiandersetzt. Pferde sind sehr einfühlsame Geschöpfe, die oft viel besser als wir selbst wissen, wie wir so drauf sind. Sind wir gut oder schlecht gelaunt? Sind wir zuversichtlich? Vertrauen wir dem Pferd? Oder - haben wir vor irgendetwas Angst?
Pferde lassen sich von diesen Gefühlen anstecken. Ist der Reiter unbekümmert und entspannt, so wird auch das Pferd unbekümmert und entspannt sein. Zumindest (wenn es dann doch etwas Gruseliges am Wegesrand sieht) wird es nicht gleich in Panik davonlaufen, sondern sich - vielleicht etwas skeptisch - darauf zu bewegen und erstmal gucken, was das denn so sein könnte. Nehmen wir mal einen alten, knorrigen und vielleicht im letzten Gewitter umgestürzten Baum: Der ist gruselig. Sicher sitzen hinter der hochgeworfenen Wurzel mit der daran noch anhaftenden feuchten Erde Gnome und Trolle! Pferde sind Fluchttiere, daß bedeutet, daß sie ihre Muskeln erst einmal anspannen, um davonlaufen zu können, wenn es notwendig sein sollte. Die Ohren gehen schonmal nach hinten, um zu horchen, was der Reiter "sagt". Verwunderlicherweise (aus Pferdesicht gesehen) sitzt der jedoch total entspannt drauf und freut sich über die angenehme Luft nach dem Gewitter. Als einfühlsamer Reiter hat er den Hinweis des Pferdes auf die vermeintliche Gefahr natürlich verstanden und reagiert darauf (das ist wichtig, da für das Pferd sonst der Eindruck entsteht, der Trottel auf dem Rücken peilt nichts!) - er treibt ein- oder zweimal das Pferd minimal stärker vorwärts als bisher. Oder er nimmt einfach das der Gefahr abgewandte Bein mal etwas heran, um das Pferd seitlich zu begrenzen. Das Pferd weiß nun, daß der Reiter den Baum bemerkt hat, aber selbst keinerlei Gefahr darin sieht. Es wird dem Reiter vertrauen, und (vielleicht vorsichtig und etwas skeptisch und - sobald der Baum vorbei ist auch gern etwas schneller) daran vorbeigehen! Danach ist natürlich Lob unverzichtbar, aber nicht zu überschwenglich, denn es sollte ja nichts allzu Besonderes sein, an einem umgefallenen Baum vorbeizugehen. Es war schließlich keine große Gefahr, die das Pferd gemeistert hat!
Etwas anders wird das Pferd reagieren, wenn der Reiter Angst hat. Sich vielleicht denkt, daß das Pferd sich vor dem umgefallenen Baum sicher erschrecken wird, dann beiseite springt und reißaus nimmt. Im Übrigen wird das Pferd genau das in dieser Situation tun. Warum? Ganz einfach - weil der Reiter bereits das Kommando dazu gegeben hat! Er hat dem Pferd bestätigt, daß der Baum gefährlich ist und man sich am besten davon fernhält. Also wird das Pferd möglichst schnell möglichst viele Pferdelängen zwischen Baum und eigenes Hinterteil bringen.
Warum das so ist? Auch ganz einfach: Durch seine Angst klammert sich der Reiter bereits an das Pferd anstatt locker darauf zu sitzen. Nein, er hat nicht nur die Knie ordentlich dran, das gesamte Bein (und somit auch die Unterschenkel) umschließen das Pferd fest und geben somit treibende Hilfen. Gleichzeitig bereitet sich der Reiter auf die Reaktion (also das Wegspringen) des Pferdes vor - und gibt ihm mit der unbewußten, aber doch deutlich vorhandenen Gewichtsverlagerung die Richtung vor, in die Wegzuspringen und/oder Umzudrehen ist. Warum sollte das Pferd nun etwas anderes tun, wenn selbst der mutige Mensch - das Leittier - hier offensichtlich weg will?
Ein Teufelskreis also - hat der Mensch Angst, verstärkt er die Angst des Pferdes. Hat er keine, fast auch das Pferd sich ein Herz. Was aber nun tun, wenn man seine Angst nicht in den Griff bekommt?
Das ist nicht ganz so einfach. Manche Reiter springen in vermeintlich gefährlichen Situationen einfach vom Pferd. Das halte ich insofern für bedenklich, da es dabei erstens zu Verletzungen kommen kann und zweitens sich das Pferd dadurch im Stich gelassen fühlt. Im Prinzip flüchtet schließlich der Reiter in dieser Situation Hals über Kopf (manches Mal durchaus wörtlich zu nehmen).
Besser ist es, sich langsam an angsteinflößende Sachen heranzutasten. Einfach in ausreichender Entfernung stehen bleiben und das Pferd gucken lassen (loben nicht vergessen). Dann langsam Schritt für Schritt näher heran. Viel mit dem Pferd reden! Das ist sowieso immer wichtig in solchen Situationen. Wenn man das Pferd lieber heranführen möchte, kann man das natürlich auch machen. Dann aber bitte schon außerhalb der "Gefahrenzone" absteigen! Beim Führen liegt der Vorteil darin, daß sich das Pferd nicht in vorderster Front zur vermeintlichen Gefahr befindet, sondern der vertraute Mensch noch dazwischen ist. Und wenn der sich da so herantraut, kann es so schlimm ja nicht sein! Viel Lob ist hierbei natürlich immer erforderlich, denn wenn sogar der Mensch schon Angst vor einem Ding hat, dann ist es für das Pferd natürlich noch viel schlimmer.
Sind noch andere Pferde dabei, kann man die natürlich auch vorgehen lassen. Haben die Kumpels keine Angst, wird auch das eigene Pferd alles als nicht so schlimm empfinden. Außerdem will "Pferd" natürlich mit und da wäre es doch ausgesprochen blöd, wenn man sich an so einem Baum nicht vorbeitraut!
Ganz wichtig ist es aber für den Menschen, sich seiner Angst zu stellen und sie sich einzugestehen. Dann erst kann man die richtigen Rückschlüsse draus ziehen und sich für eine der Methoden entscheiden. Nur so verliert man am Ende die Angst. Völlig verkehrt wäre es, solche Situationen von vorneherein auschließen zu wollen und beispielsweise nur im Schutz der Halle zu reiten, weil draußen "immer alles ganz schrecklich" ist. Das führt nur dazu, daß es draußen immer schlimmer wird (und die eigene Angst sich weiter aufbaut), andererseits aber auch jede kleinste Veränderung in der Halle zu Panik bei Pferd und Reiter führt. Umso mehr Abwechslung Pferd und Reiter im Alltag haben, desto ruhiger und ausgeglichener werden sie. Und es ist kein Versehen von mir, Pferd und Reiter dabei gemeinsam genannt zu haben. Dazu aber später mehr.
Gruß Tommy

"Es gibt so viele Leute mit Pferden in Deutschland und ich wünsche mir, daß es noch mehr Pferdeleute werden!"

(Hans-Heinrich Isenbart bei seiner Verabschiedung am 19.07.2004 in der Aachener Soers)

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Hallo Tommy,

ich weiß jetzt nicht, ob das hier hingehört, aber ich fand es jetzt zum Thema Angst sehr passend.

Ich habe seit 4 Monaten einen 6jährigen DR Hengst (Endmass) und er ist mal so und mal so, im Moment aber so ;-) Schreckhaft!! Am Boden und unter dem Sattel. Er bekommt keinen Hafer, weil das die Sache verstärkt und man kann nun nicht sagen, dass wir Risiken scheuen. D. h. wir gehen an laufende Traktoren etc. vorbei - das interessiert ihn nicht, dann aber sieht er Dinge, die ich nicht wahr nehme und er geht (kurz) durch - am Halfter oder wenn ich drauf sitze. Hierbei einsteht nun ein Teufelskreis, weil ich nicht weiß wann und wovor er sich erschreckt, das macht mich unsicher, dadurch wird er unsicher und alles wird immer schlimmer.

Er kann auch stur wie ein Esel sein, dann will er nicht aus der Box oder nicht verladen werden oder findet Hufe geben echt doof. Manchmal ist er auch sehr faul und gelassen. Im Moment haben wir aber eine sehr anstrengende und schreckhafte Phase.

Nun fange ich noch einmal an der Basis an - das richtige Führen. Dabei dachte ich, das ich das schon könnte. Wahrscheinlich ist er aber so sensibel, dass er mir das nicht wirklich zutraut.

Wie bekomme ich ihn mutiger, wie fange ich dabei an? Wie können wir diesen Teufelskreis durch brechen? Insgesamt ist er ein liebes und anhängliches Kerlchen, hat keine Unarten und überhaupt nichts Böses in sich. Wie werden wir ein Team und wie mache ich aus ihm ein Verlasspferd? Parelli etc. kenne ich, aber er ist meist so abglenkt und unkonzentriert, dass ein richtiges Arbeiten nicht möglich ist.

Bin über jeden Ratschlag dankbar.

LG von Iris

..irgendwas ist ja immer.

Tomm

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Das sind ja gleich mehrere Probleme auf einmal.  ;)
Ich fange mal bei den einfachen Sachen an:
Ob Endmaß oder nicht - Pony ist Pony. Und die sind dickköpfig. Bei Kindern machen sie manchmal eine Ausnahme, aber spätestens wenn die eigene Widerristhöhe des Reiters die des Ponies überschreitet wird in den "Erwachsenenmodus" umgeschaltet. Gegen die Sturheit kommt man nur mit noch mehr Sturheit an, gepaart vielleicht mit ein bißchen List. Es ist eine fortwährende Diskussion um die Rangordnung, die man spätestens dann verloren hat, wenn man wütend wird. Also ruhig und stur bleiben und weiter nerven mit solch überflüssigen Sachen wie Huf geben und ähnlichem. Streng nach dem Motto "der Klügere gibt nach" wird Frechy dann mal seine Hüfchen hergeben.

Jetzt zur Schreckhaftigkeit. Zuerst muß man da mal sagen, daß es jetzt kalt ist draußen. Auch Pferde wissen, daß rumtoben warm macht und sind im Winter, besonders wenn das Wetter dann noch schön ist, etwas "lustiger". Es ist also durchaus möglich, daß sich dein Pony gar nicht richtig erschreckt, sondern nur Anlässe sucht, um mal die Sau rauszulassen. Manche Pferde (wie meiner beispielsweise) machen das auch das ganze Jahr. Ich habe in den letzten vierzehn Jahren, den ich ihn habe, auch noch kein Mittel dagegen gefunden. Eigentlich habe ich auch nie danach gesucht, da ich ihm nicht die Freude daran nehmen wollte.
Diese Sachen merkt man als Reiter (auch an der Hand) aber durchaus vorher, wenn man das Pferd ein klein wenig kennt. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf andere Dinge als auf den Reiter. Mit ein bißchen Übung erkennt man das (manchmal wohl für Menschen unsichtbare) "Ding". Die Muskeln des Pferdes spannen sich dann an (Reiterlein sollte seine Knie rannehmen) und man bereitet sich schonmal auf den "Start" vor. Merkt man das als Reiter vorher und kann entsprechend gelassen bleiben, durchbricht man zumindest erstmal den genannten Teufelskreis. Man kann dann natürlich mit den entsprechenden Hilfen auch das Losrennen und Wegspringen verhindern. Das ist im Prinzip recht einfach - insbesondere dann, wenn für das Pferd tatsächlich ein Grund vorliegt, sich zu erschrecken oder vor etwas Angst zu haben. Pferde kommunizieren ja hauptsächlich mit dem Körper, mit kleinsten Muskelanspannungen, einer Kopf- oder Ohrbewegung, einem Schweifschlagen oder auch das "lässige" Anheben des Hufes sind einige Beispiele dafür. Diese Kommunikation versuchen sie auch mit dem Menschen und sie funktioniert auch dort in beide Richtungen. Pferd verspannt sich, die Ohren richten sich auf ein angsteinflößendes Objekt (vielleicht der Grashalm mit den zwei Spitzen oder dem Troll in der Pfütze?). Reagiert der Reiter nun nicht, dann fühlt sich das Pferd natürlich alleingelassen und sieht selbst zu, daß es die Gefahr abwendet. Es rennt los oder springt eben beiseite. Oder es dreht um und rennt los. Oder es springt zur Seite und rennt los. Pferde sind eben Fluchttiere.
Anders sieht die Sache aus, wenn der Reiter reagiert. Kennt das Pferd den Reiter nicht sonderlich gut (was bei dir der Fall sein könnte), dann wird es skeptisch bleiben und die Hufe schonmal schwungbereit halten. Hat es aber volles Vertrauen zu dir gefunden, dann wird es seine Angst überwinden und am bösen Ding vorbeigehen. Nicht unbedingt locker und gelöst, aber es wird gehen. Auf jeden Fall weiß es aber, daß er Reiter seine Sorgen mitbekommen hat und darauf geantwortet hat. Das ist für ein Pferd unheimlich viel wert.
Gruß Tommy

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Ersteinmal an Alle: Ich wünsche ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2007!

Hallo Tommy,

vielen Dank für Deine ausführliche Erklärung. Tatsächlich hat mein Pony sich wohl oft allein gelassen gefühlt - so wie von Dir bereits beschrieben. Mal abgesehen davon, dass es ein Pony ist, deswegen habe ich ja eines, weil sie keck, frech und einen eigenen Kopf haben, habe ich jetzt durch eine weitere Person gelernt, ihn über die Stimme zu beruhigen.

Wir fingen mit dem Führen an, dann longieren, da ist er sonst wie eine Rakete abgegangen und jetzt geht er gleich zu Anfang artig im Schritt - vor kurzem wäre das noch undenkbar gewesen.

Dann bin ich zur Zeit beim Landestrainer für Springreiter in HH und dort wurde unter Aufsicht festgestellt, dass mein Pony immer so zickig ist, weil ich nicht losgelöst genug reite. Ich habe ihn innen zu sehr gehalten.

Nun wird alles von Tag zu Tag besser und ich lerne richtig viel hinzu. Das macht Spass. Und auch, dass ich jetzt mit ihm überall hingehen kann, ohne dass er Angst davor haben muss, dass ein Säbelzahntiger hinter der Mülltonne hervor springt.

Drollig bleibt er trotzdem, denn schnell hat er heraus gefunden, es gibt einen auf den Deckel, wenn er neben mir nicht rechtzeitig stehen bleibt - seit dem geht er deutlich weiter hinter mir her - eher wie ein Esel (was er ja auch nicht soll), aber er weiß, er ist jetzt immer rechtzeitig und achtet nur auf mich.

Also, noch einmal vielen Dank fürs Mut machen und die kompetente Erklärung.

LG von Iris
..irgendwas ist ja immer.